Let me out - Dirk Patschkowski Modellbau und Fotokünstler

von Christian Sch… 18/11/2018
Szenethema
Let me out - Dirk Patschkowski Modellbau und Fotokünstler

Die Kunst des Alterns  - www.xsdreams.de

Während die Welt im Jugendwahn untergeht, wir jeden Tag euphorisch kreischen wenn die neuesten Botoxspritzen wieder ein Fältchen wegzaubern und die Mimik lahm legen und künstliche Schönheiten von Plakaten irreale Ideale kommunizieren, gibt es einen Mann im Herzen Deutschlands, der just in die andere Richtung geht. Dirk Patschkowski lässt die Dinge, die in seine Hände gelangen sympathisch altern.

Ja, in Zeiten wie diesen klingt dies fast unglaublich, aber es ist wahr. Es gibt Menschen, die erfreuen sich an der Patina vergangener Jahre, an den Schrammen und Beulen, den Kratzern und am Imperfekten historischer Spuren. Und ganz speziell an klassischen Automobilen. Denn diese erzählen Geschichten - Geschichten aufregender Ereignisse, einzigartiger Erlebnisse, einfach Geschichten des Lebens.

Einzig Dirk Patschkowski zaubert die Patina der Vergangenheit in wenigen Tagen, wozu der natürliche Alterungsprozess Jahrzehnte benötigt, an Modelle frisch aus dem Pappkarton oder restauriert 1:1 Oldtimer, egal ob Original oder Recreation. Im Prinzip ist es die gleiche Geschichte wie bei Schönheits-OPs, nur das hier die Schönheit im Alter und nicht in der gelackten Jugend zu finden ist.  

Doch wer ist der Mensch Dirk Patschkowski? Er kommt eigentlich aus dem Modellbau und der Fotografie. Er ist ein begnadeter Künstler mit einer Leidenschaft für die Miniaturisierung automobiler Träume, Fotografie und Perfektion, die fast an Besessenheit grenzt. Er schafft Gesamtkunstwerke und Kunst ist hier der tragende Wortteil. Er bannt kurze Momente, persönliche Träume, individuelle Wünsche in eine leistbare 3D Modell Realität und der Erschaffung scheinbarer Historie. Man kann Stunden vor seinen Dioramen oder patinierten Klassikern verbringen und es eröffnet sich einem immer wieder ein Detail, das ein Schmunzeln, Erstaunen, Stirnrunzeln, einfach Freude vermittelt. Er schafft es sterilen Modellen oder Automobilen eine Seele einzuhauchen, sie beginnen eine Geschichte zu erzählen und vermitteln reale Authentizität indem sie den Betrachter magisch anziehen.

Dirk Patschkowski ist ein eher zurückhaltender, freundlicher Mid-Vierziger mit ruhiger Stimme und offenem Geist. Er beobachtet zuerst bevor er sich involviert, er denkt zuerst bevor er spricht und begegnet Neuem vorerst mit gesundem Misstrauen. Er möchte von seinem Gegenüber durch das Gespräch und durch Taten, die dem entsprechen was gesagt wurde, erst den Beweis der Vertrauenswürdigkeit, bevor er selbst den nächsten Schritt setzt. Menschen die viel reden sind ihm von vornherein suspekt. Er liebt die Ecken und Kanten eines Charakters, die Falten als Spuren des Lebens und der Individualität. Das Gelackte, das Glatte, das zu Schöne sind für ihn nur Ansporn die Rückseite der Medaille zu entdecken, den Lack abzukratzen um an den wahren Kern zu gelangen.

Genau darin liegt seine Liebe zu Oldtimern begründet. Klassische Fahrzeuge, die ein langes Autoleben gezeichnet haben, die vielleicht vom ehemaligen Besitzer beiseite gestellt, vergessen wurden, um Jahrzehnte ihrer Entdeckung entgegenzusehen. Jedes Rostloch, jeder Kratzer und jede Beule sind Manifestationen des Lebens. Diesen Moment en miniature festzuhalten oder zu gestalten, ist seine Passion. Sieht er einen restaurierten Concour-Klassiker, entlockt ihm dies nur ein müdes Schmunzeln „Viel zu glatt, viel zu geleckt, jeder Scheunenfund ist mir da lieber“ sagt er dann in breitem Wuppertalerisch. Denn Wuppertal ist seine Heimat, dort ist er geboren, dort lebt und arbeitet er. Dirk Patschkowski ist gelernter Drucktechniker und eigentlich wollte er seinen Lebensunterhalt als Maler und Fotograf verdienen. Seit seinem siebten Lebensjahr ist die Kamera sein täglicher Begleiter, keiner wurde verschont, die Familie, Freunde, sein Lebensumfeld, alles wurde auf „Zelluoid“ gebannt. Der Einstieg in die Modellbauszene war aber getrieben- wie so oft – von einem Traum: Er wollte eine versteckte und vergessene Schönheiten als Scheunenfund zu neuem Leben erwecken. Die finanziellen Grenzen ließen diesen Traum dann als Miniaturvariante in Form eines Modellbau-Scheunenfundes erstehen. Das Feedback aus dem Freundeskreis war derart positiv, dass er immer wieder, immer öfter und immer aufwändigere Dioramen schuf.

Vom Fotografieren sagt er „hat er das gute Auge“, das jedes Detail erspäht, jedes Motiv erfasst und sofort unter maximaler Belastung der Synapsen in das perfekte Foto umsetzt, bevor er auf den Auslöser drückt. „Ein optimales Bild muss die richtige Relation, eine ausgewogene Balance haben, die angestrebte Stimmung erzeugen, erst dann löst es im Auge und Gehirn des Betrachters Ströme von Emotionen aus. Es werden Geschichten kreiert, Handlungszusammenhänge erzeugt, Erinnerungen wachgerufen und ganze Fantasiewelten erschaffen.“ Genauso funktioniert es bei der Kreation einer Modellwelt oder bei der Patinierung eines realen Automobils. Das Auto steht im Mittelpunkt, dann beginnt die Erschaffung der Welt bzw. der Geschichte des Fahrzeuges. In der ersten Phase steht das auf sich Wirken lassen des Objektes, die Recherche, das Durchgehen der Gedanken und Wünsche des Auftraggebers. In der zweiten Phase gilt es  die gesamte Szenerie in die richtige Perspektive zu setzen. In der dritten Phase beginnt die „Destaurierung“ des Hochglanzobjektes. Da bekommt die Frontpartie die ersten Beulen, Rost setzt sich an und aus einer neuen Felge wird ganz schnell eine alte. Wenn es das Ziel verlangt wird auch schon mal die Karosserie komplett entlackt. In der vierten und fünften Phase, wenn es sich um ein Modell handelt, beginnt die Gestaltung und Ausstattung der Szenerie, Garage oder Lanschaft. Hier entlädt sich die geballte Schöpfungs- und Schaffenskraft Dirk Patschkowski. Ölgetränkte Putzfetzen, eine zerknüllte Zigarettenpackung neben dem zerbeulten Mistkübel, Hebebühnen, Miniaturwerkzeug, Betriebsanleitungen mit ölverschmierten Fingerabdrücken darauf, Flugrost an den Scheibenbremsen – es gibt nichts, was es nicht gibt. Zum Glück sind die Modelle in den Dioramen verklebt, sonst müsste man befürchten, dass sie starten und aus der Garagenszenerie davon fahren. In der sechsten Phase gilt es noch Details zu optimieren und zu ergänzen, sich entspannt zurückzulehnen um das Werk zu betrachten, darin zu versinken und im Idealfall zufrieden zu sein. In Dirk‘s Fall kein leichtes Unterfangen, da Perfektionismus und Zufriedenheit bei ihm oft ein divergierendes Paar bilden.

Diese Erfahrungen hat er nun immer öfter in seinen neuesten Projekten auf 1:1 „Destaurierungen“ von realen Automobilen umgelegt. Der typische Kunde hat einen Oldtimer frisch restauriert oder die Recreation eines Klassikers gekauft. Beim Betrachten seines Lieblingsstückes stellt er jedoch fest, dass etwas fehlt. Es fehlt die Seele, es fehlt die Lebensgeschichte die sich im Blechkleid authentisch widerspiegelt. Nun ist oft guter Rat teuer – Alternative 1 ist, man wartet ca. 50 Jahre und die Patina stellt sich von selber ein. Alternative 2 ist man lebt und fährt mit dem Manko der Seelenlosigkeit oder man wendet sich an einen Zauberer, der sich mittels Pinsel, Erfahrung, Geschick und geheimen Rezepturen an die Kunst des Alterns heranmacht. Wie beim Modellbau ist Dirk Patschkowski‘s Auge fürs Detail die erfolgversprechende Eigenschaft. Das Puzzle unzähliger Kleinigkeiten – ein Hauch von Rost hier, eine Ölspur da, ein Kratzer und eine kleine Beule an der Tür, das abgesessene Leder, der matte Lack, und hunderte Details mehr – ergeben das Gesamtbild der Erschaffung künstlicher Patina, die der natürlichen um nichts nachsteht, lässt man die Tatsache der Illusion der Echtheit außer Acht. Bei Dirk Patschkowski bekommt die Tatsache, dass das Wort Kunst im Wortstamm von künstlich steckt eine ganz neue Bedeutung. Ob Lagonda oder Alfa, Bentley oder Jaguar sie alle haben in seiner Hand Leben und Seele durch Patina eingehaucht bekommen.

Zurück bleibt ein glücklicher Kunde, der für den Rest seines Lebens die Quelle eines täglichen Glücksgefühls auf seinem Kaminsims, auf der Kommmode, im Regal oder eben in der Garage stehen hat. Ein kurzer Blick darauf, vielleicht auch mehrmals täglich und eine sanfte Welle der Wärme breitet sich bei der Betrachtung ausgehend vom Bauch bis zum Kopf  aus und erzeugt Wohlgefühl. Und das ist jeden investierten Euro hundertmal Wert, denn die Verwirklichung kleiner und jetzt auch größerer Träume kann schon das Börserl ein bisschen mehr als üblich belasten. „Der Zeitaufwand bei größeren Aufträgen kann leicht in die hundert Stunden gehen“ sagt Patschkowski erklärend.

Doch der Weg bis ins Heute, als weithin anerkannter und geschätzter Modellbau- und Patinakünstler war nicht einfach. Heute wird er schon oft von renommierten Museen, Galerien und bei Veranstaltungen eingeladen seine Werke zu präsentieren. Auch für CMC und Revell patinierte er schon erfolgreich Sonderserien. „Im Mittelpunkt steht wie bei allen Dingen im Leben, dass man mit dem Herzen dabei ist“, sagt er. 

So ist diese Geschichte sicher noch lange nicht zu Ende und ebenso wenig der Weg Dirk Patschkowski‘s. Der Liebhaber klassischer Automobile ob arm oder reich findet in Künstlern wie ihm einen Ankerpunkt zur Verwirklichung kleiner und größerer Träume. Ein Blick auf seine Website www.xsdreams.de gibt jedem die Möglichkeit sich noch weiter in seine Werke und Welten zu vertiefen.