Wo Traktor-Oldies über Pisten jagen

von Christian Sch… 25/09/2019
Szenethema
Wo Traktor-Oldies über Pisten jagen

Wo Traktor-Oldies über Pisten jagen

Jedes Jahr findet im österreichischen Reingers das 24-Stunden-Rennen für Oldtimertraktoren statt. Der 25-jährige Daniel Grabenhofer ging mit seinem 74er Steyr 1100 und dem agra Racingteam bereits zum fünften Mal an den Start. 

Schwarz ist der Traktor. Mit einem Totenkopf auf der Motorhaube. Ist ja auch kein Ponyhof hier. Am Lenkrad des Boliden sitzt der 25-jährige Daniel Grabenhofer. Die Klappe auf dem Auspuff- rohr seines 74er Steyr 1100 klappt nervös auf und zu. Daniel steht in der fünften Star- treihe, festgezurrt von einem 5-Punkt-Gurt in seinem Schalensitz und mit einem Helm auf dem Kopf. Drumherum 81 andere Trak- toren. Da stehen ein 72er John Deere 4320 oder ein 69er Massey Ferguson 1100 und auch kleinere Modelle wie ein 54er Steyr. Gespannt wartet Daniel Grabenhofer auf den Start des Rennens. T80 oder ein 58er Warchalowski WT 14. Alle sind mit Überrollkäfigen und Sicherheits- gittern aufgemotzt, manche mit Sprüchen oder Fahnen geschmückt.

Daniels Traktor mit der Startnummer 94 ist einer mit dem individuellsten Design. Als wäre der Totenschädel schon nicht genug, steht auf dem Kotflügel: „Alles unter 6 Zylin- der ist asozial.“ Der Landmaschinenmecha- niker streckt seine Finger noch einmal und legt sie dann fest ums Lenkrad. Sein Blick geht nicht nach links, nicht nach rechts, er ist auf das Safetycar gerichtet, das ganz vor- ne vor der ersten Startreihe steht. Auf der Startgeraden flimmert die heiße Luft über den staubigen Boden, die Zuschauer an den Zäunen haben das Fahrerfeld im Auge. Die Anspannung verdichtet sich und heizt die Stimmung an. Gleich geht sie los, die „16. Internationale Traktoren Langstrecken WM“ hier im niederösterreichischen Reingers.

Fliegender Start

Am Zaun, auf der Seite des Fahrerlagers, steht Andreas Grabenhofer. Er ist nicht nur Daniels Vater, sondern auch der Teamchef des agra Racingteams. Obwohl sein Team bereits zum fünften Mal an dem 24-Stun- den-Rennen teilnimmt, ist auch er auf den Start gespannt. Denn in diesem Jahr ha- ben sich die Veranstalter zum ersten Mal für einen fliegenden Start entschieden. Alle 82 Traktoren fahren gleich gemeinsam hin- ter dem Safetycar an. Vollgas ist erst drin, wenn sich das Auto am Anfang der Start- geraden ins Fahrerlager verdrückt. „Das ist diesmal so, um den Engpass am Ende der Startgeraden zu entzerren“, erklärt Andreas Grabenhofer, ohne die Augen vom Starter- feld zu nehmen. Am Ende der Startgeraden führt die Schotterpiste auf eine asphaltier- te Straße. Und eine Gasse aus Großballen lässt nur Platz für einen Traktor. „Die letzten Jahre ist hier nach dem Start teilweise gar nichts mehr gegangen“, sagt er – Stau, kleine Karambolagen und Stillstand. Dann geht ein Raunen durch das Publikum – das Safetycar setzt sich in Bewegung. Es geht los.

Nach der Spitzkehre, die auf die Start gerade führt, biegt das Auto ins Fahrerlager ein. Die Motoren der Traktoren heulen auf. In diesem Jahr erschwerte der extreme Staub die Bedingungen. Die Auspuffe kotzen schwarze Rußwolken aus und ziehen sie hinter sicher her. Daniel drückt das Gaspedal seines 74er Steyr 1100 durch, saust über die Schotterpiste und verschwindet in der Staubwolke, die die Trak toren vor ihm aufgewirbelt haben. Sehen können die Fahrer nichts mehr. In der engen Strohballengasse am Ende der Schotterpiste wird sich am Vordermann orientiert.

Traktoren bis Baujahr 1975

Nach und nach schafft es jeder Traktor ohne Stau auf die Asphaltstraße und die Fahr zeuge verschwinden ins Waldstück am Horizont. Das Rennen ist in vollem Gange und die Fahrzeuge legen Runde um Runde zurück. Erst mal Zeit, durchzuschnaufen und sich das Spektakel in Ruhe anzuschauen.

Bei dieser Motorsportveranstaltung dürfen ausschließlich Oldtimertraktoren bis zum Baujahr 1975 antreten. Gestartet wird in zwei Klassen. In Klasse A starten seriennahe  Fahrzeuge  bis  maximal  40 km/h, in Klasse B, der  freien  Klasse,  modifizier- te Traktoren, die mit bis zu 70 km/h über die Piste dübeln. Jede Klasse ist zudem je nach  PS-  beziehungsweise  Zylinderzahl  in fünf Gruppen eingeteilt. Daniel startet zusammen mit 15 anderen Traktoren  in  der Klasse B6 für sechszylindrige Traktoren. Ob er und die anderen Teilnehmer die jeweilige Höchstgeschwindigkeit ihrer Klasse einhalten, kontrolliert die Rennleitung per GPS-Tracker. „Wer die Geschwindig- keit nicht einhält, bekommt eine Zeitstrafe von mindestens 10 Minuten – je nachdem, um wie viele Stundenkilometer man die Geschwindigkeit überschreitet. Wer mehr als 10 km/h drüber ist, wird disqualifiziert“, erklärt Andreas Grabenhofer und lehnt sich am Biertisch vor dem Fahrerlagerzelt des Team agra an. Er hat die Startgerade perfekt im Blick. Daniel ist bereits ein paar Mal vorbeigefahren, ebenso wie die zwei anderen Traktoren des Racingteams. Es scheint ganz gut zu laufen.

Hier auf der Startgeraden ist die Action erstmal vorbei. Mit der Zeit machen sich einige Zuschauer auf den Weg zur heikelsten Stelle der 7,5 km langen Strecke. Genau da, wo die Traktoren aus dem Waldstück kommen, führt die Schotterpiste mit einer kleinen Steigung wieder zurück auf die Asphaltstraße – und zwar genau in einer Kurve. Mit der Zeit gibt’s im Schotter tiefe Schlaglöcher; das macht die Stelle tückisch. Schnell verliert man da die Haftung, es kommt zu Karambolagen oder man landet geradeaus in der Streckenabsperrung. Aber nicht so der Traktor mit der Startnummer 94. Der Totenkopf bricht aus dem Wald. Daniel hält das Lenkrad fest umschlossen, bremst vor der Kurve leicht an, nimmt Tempo raus. Er lenkt seinen Traktor sicher vom Schotter auf den Asphalt und gibt Gas.

Mittlerweile sind zwei Stunden vergangen. Daniel hat sich auf die siebte Position in seiner Klasse vorgekämpft – gestartet ist er als neunter. Ein paar Stunden bleiben ihm noch, um weiter aufzuholen. Höchstens acht Stunden darf ein Fahrer beim 24-Stunden-Rennen laut Reglement hinterm Steuer sitzen. Daniel und seine drei Teamkollegen des Steyr 1100 haben sich dazu entschieden, jeweils 6 Stunden am Stück zu fahren – ein taktisches Manöver. So wechseln sie pro Person nur einmal, denn beim Fahrerwechsel verliert man fast eine Runde.

Fürs Rennen modifiziert

Trotz aller Strategie und Taktik läuft der Traktor nicht unbedingt 24 Stunden durch, denn Rennunterbrechungen wegen Unfällen oder Defekten sind keine Seltenheit. Abgerissene Spurstangenköpfe, gebrochene Vorderachsen oder Motorschäden gehören zum Grundrauschen des Rennens. Auch jetzt schwenken die Streckenposten mal wieder ihre roten Flaggen und die Fahrer stoppen ihre Traktoren. Daniel kommt auf der Startgeraden zum Halten und wartet, bis der Servicetraktor den Kollegen von der Piste gezogen hat. Nicht immer geht ein Ausfall so glimpflich ab, aber heute wurde zum Glück niemand ernsthaft verletzt.

Damit auch der  Traktor  das  Rennen heil übersteht und den Anforderungen des Langstreckenrennens gerecht wird, hat das agra Racingteam seine Traktoren modifiziert. „Es kommt auf die Beschleunigung an und darauf, dass der Schwerpunkt tief sitzt. Wie beim einem Gokart“, sagt Andreas Grabenhofer. Er steht immer noch am Biertisch im Fahrerlager und blickt zum Streckenposten, der vor dem Steyr 1100 die rote Fahne schwenkt. Der Traktor ist gut in Schuss: Den Motor hat das Team vor dem Rennen komplett zerlegt und neu zusammengesetzt. Außerdem hat er eine neue Kupplung bekommen, ebenso wie die gefederte Vorderachse eines Mercedes Sprinters.

Der Streckenposten senkt die rote Fahne und tritt zurück – Neustart. Daniel drückt das Gaspedal durch. Sein Rennen geht weiter. „Die Leistung des Steyr 110 schätzen wir auf etwa 200 PS und die Höchstgeschwindigkeit auf 150 bis 160 km/h. Bei 130 km/h beginnt die Hinterachse zu ruckeln. Daher haben wir uns nicht getraut, es ganz auszutesten“, sagt Teamchef Andreas Grabenhofer. Wo man die Höchstgeschwindigkeit eines Renntraktors testet? „Das bleibt unser Geheimnis“, sagt er und schmunzelt.

Abruptes Ende

Daniel dreht wieder Runde um Runde auf der Strecke. Seine Fahrzeit neigt sich mittlerweile dem Ende zu. Dann schwenken die Streckenposten wieder die roten Flaggen. Erneut muss ein kaputter Traktor von der Strecke geschleppt werden. Es vergehen ein paar Minuten, dann öffnen Helfer das Bauzauntor zum Fahrerlager – und hineingeschleppt wird der Traktor mit der Startnummer 94. Darauf sitzt Daniel mit hängenden Schultern. In der Box angekommen, schart sich sofort das Team um die Fahrerkabine. Der Landmaschinenmechaniker nimmt den Helm ab. „Getriebeschaden“, sagt er. Damit ist das Rennen 51 Minuten vor dem ersten Fahrerwechsel gelaufen, vor Ort kann das Team den Schaden nicht beheben. Daniel schüttelt den Kopf. Er versucht sichtlich, sich von dem Ausfall die Stimmung nicht zu sehr vermiesen zu lassen. Denn er weiß: Auch das gehört zum Rennsport.

Den Rest des Rennens verfolgt er nun als Zaungast. Schließlich gilt es, die zwei verbleibenden Traktoren des Team agra anzufeuern. Und als diese als vierte beziehungsweise sechste ihrer Klassen über die Ziellinie des 16. 24-h-Traktorrennens fahren, kann Daniel schon wieder lächeln. „Wenigstens haben wir mit dem Steyr 1100 vor unserem Ausfall auch eine gute Platzierung gehabt. Das lässt fürs nächste Jahr hoffen.“ Gute Aussichten, zumal in diesem Jahr auch ein Steyr die Gesamtwertung des 24-Stunden-Rennens gewonnen hat.

 

TEXT: Dagmar Deutsch

 

Redakteurin Magazin agrarheute

FOTOS: (c) Sven Stolzenwald

agrarheute Oktober 2019