EU-Autopaket verfehlt industriepolitischen Zweck – Arbeitsplätze weiter in Gefahr

von Christian Sch… 08/02/2026
Szenethema
EU-Autopaket verfehlt industriepolitischen Zweck – Arbeitsplätze weiter in Gefahr

EU-Autopaket verfehlt industriepolitischen Zweck - Arbeitsplätze weiter in Gefahr

Die aktuelle politische und wirtschaftliche Debatte um das von der Europäischen Kommission vorgelegte Automotive Package - ein Maßnahmenbündel zur Unterstützung der europäischen Autoindustrie - wird von der eFuel Alliance Österreich scharf kritisiert. Nach Ansicht des Verbands wird das Paket seinem industriepolitischen Zweck nicht gerecht und verfehlt zentrale Ziele wie Wettbewerbsfähigkeit, Innovationsförderung, technologische Offenheit und Schutz von Arbeitsplätzen in einem der wichtigsten industriellen Sektoren Europas. Gleichzeitig bestehe die Gefahr, dass bestehende Probleme der Branche nicht nur nicht gelöst, sondern durch die aktuelle Ausgestaltung der EU-Politik weiter verschärft werden.

1. Ausgangslage: Strukturkrise der europäischen Autoindustrie

Die Studie des Wirtschaftsanalysten Günther Oswald zeichnet ein alarmierendes Bild: Seit 2019 sind in der europäischen Automobilindustrie insgesamt etwa 378.000 Arbeitsplätze weggefallen. Besonders dramatisch ist der Zeitraum 2024/25 mit allein 166.000 gemeldeten Jobstreichungen, was rund 45 % des gesamten Verlusts der letzten Jahre ausmacht. In Deutschland entfielen davon etwa 109.000 Stellen, in Österreich rund 5.000 Arbeitsplätze; die Auswirkungen seien jedoch europaweit deutlich spürbar, inklusive in Ost- und Mitteleuropa. 

Oswald und Branchenvertreter sehen in dieser Entwicklung keine natürliche Marktbereinigung, sondern eine direkte Folge von politischen Rahmenbedingungen in Kombination mit geopolitischen Trends. Europa verliere an Wettbewerbsfähigkeit, während andere Regionen wie China, Indien und die USA ihre industriepolitischen Strategien gezielt weiterentwickeln und so ihre Standorte für Produktion und Arbeitsplätze stärken.

2. Kritik am EU-Autopaket: Technologieoffenheit nur auf dem Papier

Im Zentrum der Kritik steht das Versprechen der Europäischen Kommission, technologische Offenheit zu wahren, also nicht nur auf batterieelektrische Fahrzeuge zu setzen, sondern auch andere klimafreundliche Antriebsformen zuzulassen. Praktisch bleibe dieses Versprechen jedoch weitgehend unrealisiert:

Die Kommission sieht zwar vor, ab 2035 Emissionsrestmengen über alternative Kraftstoffe oder klimafreundliche Materialien zu kompensieren. In der Realität aber würden nachhaltige Kraftstoffe nicht gleichwertig anerkannt, sondern im Vergleich zum Status quo sogar weiter eingegrenzt.
Außerdem seien flankierende Maßnahmen wie flächendeckende Kompensationspflichten oder technologieoffene Investitionsanreize unzureichend.
Gleichzeitig führe ein verpflichtender Anteil an Elektrofahrzeugen für Flottenbetreiber (z. B. 58 % aller Neuwagen in Österreich bis 2030) faktisch zu einem E-Mobilitätsmonopol, statt echte Vielfalt im Antriebsmix zu fördern.
Andere klimafreundliche Technologien würden zwar bis 2030 noch berücksichtigt, aber ab 2035 wieder ausgebootet. Wo ein Ablaufdatum politisch vorgeschrieben sei, werde nicht mehr investiert - genau dort, wo dringend Investitionssicherheit für neue Produktionsstrukturen gebraucht würde.

Stephan Schwarzer, Generalsekretär der eFuel Alliance Österreich, bringt diese Kritik auf eine einfache Formel: „Die Kommission hat nicht geliefert, was bestellt wurde. De facto zementiert sie das E-Auto-Monopol weiter ein.“ Laut Schwarzer seien die Spielräume für alternative Antriebe und nachhaltige Kraftstoffe viel zu klein, um real einen Beitrag zur Strukturwende oder zu klima- und industriepolitischen Zielen zu leisten.

3. Wirtschaftliche Folgen: Regulierung beschleunigt Jobverluste

Die aktuelle Kombination aus einer restriktiven europäischen Regulierungspolitik und dem globalen Wettbewerb führe nicht zur Stärkung, sondern zur Schwächung Europas als Automobilstandort. Laut der Studie habe die Produktion vielerorts abgenommen, Standortschließungen seien an der Tagesordnung und viele Zulieferbetriebe stünden unter massivem Druck.

Die Folge:

Europas Autoindustrie verliere Marktanteile und Wertschöpfung an außereuropäische Wettbewerber.
Importabhängigkeit wachse, etwa von Fahrzeugen oder Schlüsselkomponenten.
Investitionen in alternative Technologien seien nicht im erforderlichen Umfang möglich, weil regulatorische Rahmenbedingungen ihnen klare zeitliche Begrenzungen und Unsicherheiten auferlegen.

Die eFuel Alliance argumentiert, dass eine Fokussierung auf ein einziges Antriebskonzept - nämlich reine Elektromobilität - langfristig zigtausende weiterer Arbeitsplätze kosten werde, weil sie bestehende Industriestandorte in Europa unter Druck setze, anstatt neue Chancen für Vielfalt, Innovation und Beschäftigung zu schaffen.

4. Klimastrafen: Fehlgeleitete Anreize

Ein weiterer Kritikpunkt sind die sogenannten „Klimastrafen“ - finanzielle Belastungen für Hersteller, deren Produkte nach EU-CO₂-Regeln bestimmte Vorgaben nicht erfüllen. Laut Branchenkennern haben diese Strafzahlungen inzwischen ein Volumen von rund 16 Milliarden Euro pro Jahr erreicht. Problematisch sei, dass diese Mittel derzeit nicht in europäische Investitionen zurückfließen, sondern faktisch außereuropäischen Herstellern helfen, ihre Marktanteile in der EU auszubauen - zulasten heimischer Produzenten.

Schwarzer fordert daher eine Umkehr dieser Praxis: Diese Mittel müssten bei den europäischen Herstellern verbleiben und für deren Investitionen genutzt werden. Nur so könne eine nachhaltige Stärkung der europäischen Wertschöpfungsketten erreicht werden; alles andere beschleunige den Abfluss von Wertschöpfung und Know-how.

5. Markt und Realität: Verbraucher können nicht gezwungen werden

Neben der industriellen Seite kritisiert die eFuel Alliance Österreich auch, dass die Marktrealität und die Kundenpräferenzen in der EU ignoriert würden. Derzeit liegt der Anteil von Elektrofahrzeugen an den Neuzulassungen in der EU bei etwa 17 %. Viele Kundengruppen könnten oder wollten aus infrastrukturellen, finanziellen oder praktischen Gründen keine Elektroautos nutzen.

Schwarzer verdeutlicht: „Die EU darf den Kunden nicht in eine Zwangsjacke stecken. “Wer kein Elektroauto fahren kann oder will, sollte trotzdem klimaverträglich unterwegs sein können - etwa durch nachhaltige Kraftstoffe auf Basis erneuerbarer Energien.

6. Appell an das Europäische Parlament

Vor diesem Hintergrund richtet die eFuel Alliance Österreich einen dringenden Appell an das Europäische Parlament. In den laufenden Ausschussverhandlungen müsse es seiner legislativen Verantwortung gerecht werden und die Vorschläge der Kommission grundlegend korrigieren. Entscheidend sei:

echte Technologieoffenheit sicherzustellen,
regulatorische Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass sie Innovation, Investitionen und Arbeitsplätze fördern,
und Klimaziele mit pragmatischen, marktorientierten Ansätzen in Einklang zu bringen. 

Schwarzer warnt: „Hunderttausende Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel — viele sind bereits verloren. Gerade Österreich ist stark betroffen.“ Fehlende Aufträge aus führenden Automobilmärkten in Deutschland, Frankreich oder Italien ließen sich durch Exporte nach Fernost kaum kompensieren. Ohne echte Öffnung für alle Technologien drohe der weitere Niedergang der europäischen Autoindustrie.

Quelle: eFuel alliance